01. Januar 2010
0.00 Uhr
Das neue Jahrzehnt hat sich ganz leise angeschlichen. Eben saßen im Restaurant Fellini alle noch an ihren Tischen und haben als letzten Gang des Fünf-Gänge-Menüs Crepes mit Waldfrüchten gespeist. Nun liegen sich plötzlich alle in den Armen und wünschen sich ein frohes Neues Jahr. Auch Fremde stoßen mit uns mit einem Glas Sekt auf den Jahreswechsel an.
0.03 Uhr
Am Fenster bestaunen wir das Feuerwerk. Es ist ganz still. Kein Böller ist zu hören. Dann tanzen wie aus heiterem Himmel bunte Sterne über die Cappelstraße. Die Menschen kleben förmlich an den Fensterscheiben, um das Feuerwerk zu verfolgen.
2.00 Uhr
Mit meiner Freundin aus Schulzeittagen bin ich zum Auto in die Kastanienallee gegangen. Die ganze Stadt liegt voller Schnee. Im Schneckentempo kriechen wir nach Hause. Ich lese die Zeitung vom Vortag und plumpse gegen 4.00 Uhr aufgekratzt ins Bett.
8.00 Uhr
Ich kann´ s nicht fassen. Ich habe vergessen, den Radiowecker auszustellen. Ungläubig starre ich das viereckige Monster neben meinem Bett an und höre die Nachrichten. Mit dem wohligen Tiefschlaf ist es vorbei. Dabei ist es das erste Mal seit drei Jahren, dass ich am Neujahrstag frei habe und nicht als Redakteurin im Auftrag der Zeitung unterwegs bin.
10.00 Uhr
Es ist wie eine Gedankenübertragung. An meine Berliner Freunde habe ich gerade gedacht, da ruft schon mein Freund Markus aus dem Prenzlauer Berg
an. Wenig später meldet sich dann noch meine Studien-Freundin Sandra aus Neukölln. Am Neujahrstag befindet sie sich mal wieder auf einem spirituellen Trip und will mir am Telefon verklickern, dass die Seele ihrer verstorbenen Mutter sieben Jahre in ihr war.
14.00 Uhr
Meine Mutter traut sich bei Schnee nicht nach Lippstadt zu fahren. Also besuche ich sie in Geseke. Kaum ein Mensch ist an diesem nasskalten Wintertag mit dem Auto unterwegs, stelle ich fest.
20.00 Uhr
Ich bin froh, wieder in meiner Lippstädter Wohnung zu sein. Im Wohnzimmer mache ich es mir gemütlich, mache mich über die letzten Weihnachtsplätzchen her und schaue mir den Film „Catch me if you can" an. Später lese ich dann weiter in Marie Philipps Roman „Götter ohne Manieren". Bis auf Seite 63 bin ich gekommen. So ist der 1. Januar 2010 ein ganz normaler Tag geworden. Eigentlich hatte ich mehr geplant. Ich wollte raus fahren und habe als Besuch eine Freundin erwartet, die aber kurzfristig abgesagt hat. Der plötzliche Wintereinbruch hat einige Pläne zunichte gemacht.
Dagmar Meschede

